Archive for Mai, 2008

Frauenfußball

Kur vor der EM erinnere ich mich wieder an all die großen Fußballspiele, die so viele Emotionen in mir geweckt haben. Allerdings nicht wegen der Tore oder der Teams, sondern wegen meiner persönlichen Umstände, in denen ich Zeuge dieser Spiele wurde.

In besonders nachhaltiger Erinnerung ist mir das Spiel Deutschland gegen Schweden bei der WM 2006 geblieben. 90 Minuten pure Emotion – dank der Autofahrt mit meiner Oma.

Meine Mutter lag damals im Krankenhaus. Harmlose Sache, eine neue Hüfte war nötig. Da meiner Mutter nur die Orthopädie in Heidelberg genehm war, meine Oma aber zwei Autobahnstunden entfernt wohnte (und dennoch als aufopferungsvolle Muttersmutter auf den täglichen Besuch nicht verzichten wollte), wurde ein Fahrer gesucht. Und gefunden: im Enkel aus Berlin. In mir. Ich sagte ohne Zögern zu. Auch weil ich froh war, dem Berliner WM-Wahnsinn mit Public-Viewing und besoffenen Fans, die vor Haustür bis tief in die Nacht „Olé olé olé“ singen, zu entkommen.

Und so bretterte ich schon wenig später ingesamt 4 Stunden am Tag mit meiner Oma auf dem Beifahreresitz über die A5 gen Heidelberg. Und wieder zurück. Eine Woche lang. Tag für Tag.

Um Missverständnissen gleich vorzubeugen: Meine Oma ist ein anregender Gesprächspartner, ein liebenswürdiger Mensch und eine Fahrt mit ihr, sei sie noch so lang, immer ein ungetrübtes Vergnügen. Es sei denn es läuft gerade ein Live-Fußballspiel im Autoradio. So wie an diesem heißen Junitag das Spiel Deutschland gegen Schweden. Die Übertragung im Fernsehen musste für mich ausfallen. Die Anstoßzeit war rücksichtsloserweise so terminiert, dass ich nicht rerchtzeitig wieder vor dem Fernseher sitzen konnte. Also Radio an. Echte Fußballfans lieben das Radio.

Leider aber wurde das Vergnügen an diesem Tag stark getrübt: von den Fragen und Einlassungen meiner Oma. Das Maß an fußballerischer Unbelecktheit und Ignoranz dieser sonst so intelligenten Frau, sowie die totale Weigerung, jegliche Informationen zum Thema länger als 5 Minuten zu speichern, sind frappierend. Dabei müsste sie eine Fußballfachfrau von erlesener Güte sein, locker mit Kerner und Delling über die Feinheiten der vergangenen 90 Minuten parlieren können. Schließlich war mein Opa ein begeisterter Fußballfan und hat sie bei jeder Liveübertragung mit seinem Wissen zugeschüttet. Aus diesem unerschöpflichen Wissensschatz hat meine Oma leider nur drei Informationen gespeichert: van de Kerckhoff, Rummenigge und das Kopfballungeheuer Hrubesch. Dieser Dreisatz wird immer dann stolz ins Gespräch eingewoben, wenn es auch nur entfernt um Fußball geht. Anschließend blickt sie Beifall heischend in die Runde. So trainiert sie heute eben keinen Bundesligaverein, was der Liga sicher gut täte, sondern lebt weiter von ihrer kargen Pension.

Allerdings, das sei ihr zugestanden, hat es der Fußball hat ihr auch nie leicht gemacht. Ihr Verhältnis zum runden Leder ist schon deshalb irreparabel gestört, weil durch Liveübertragungen immer wieder ihre Lieblingssendungen ausfallen. Wie oft hat sie schon kurzfristig auf „Forsthaus Falkenau“ oder „Der Bulle von Tölz“ verzichten müssen und statt des schmucken Försters oder des kuscheligen Otti Fischers einen auf den Platz rotzenden Mittelstürmer bestaunen müssen. Mit einer Mischung aus Verzweiflung und kalter Wut auf die Programmverantwortlichen fragt sie in diesen Augenblicken entrüstet in die Fernsehrunde: „Warum übertragen die die Spiele nicht auf den Sportsendern? Dafür sind die doch da.“

„Omi, wir leben in keiner Diktatur, wo der Staat die Programme einfach auf die Sender verteilt. Da geht es um teure Übertragungsrechte, für die die Sportsender kein Geld haben.“

„Ach so.“

Doch ihr „Ach so“ heißt nicht „Das merk ich mir für die Zukunft“. Sondern: „Beim nächsten Fußball-Event samt der Einblendung „Die Quiz Show mit Jörg Pilawa entfällt“ stelle ich die Frage wieder.“

Neben Fußballsachverstand fehlt ihr auch das Gespür für Live-Radioübertragungen. Die elementaren Fähigkeiten, die für den Genuss dieser Art der Fußballübermittlung unabdingbar sind – nicht vorhanden. Ihr Fußballvorstellungsvermögen gleicht einer weißen Leinwand. Sie ist nicht in der Lage, die Worte und Fachausdrücke der Reporter in Bilder vor ihrem inneren Auge zu verwandeln. Meine Oma hat keine Ahnung, wie ein Fußballfeld aussieht, folglich kann sie mit Ortsangaben wie „Ein Duell an der Eckfahne“, „Schuss von der Strafraumgrenze“ und „Klein-Klein im Mittelfeld“ nichts anfangen. Der Sinn von „daneben“ sollte ihr aber durchaus klar. Wenn das Wörtchen lautstark aus dem Mund eines Sport-Reporters in die Welt geschleudert wird, verwandelt es zu „Bahnhof“. Auf den Ausruf der sich überschlagenden Radiostimme „Gerangel im Strafraum, Schuss! Oh, daneben“, reagiert sie aufgeregt: „Was? Tor?“

„Nein, Omi. Daneben. Hat er doch gesagt.“

„Ach ja.“

Die gleiche Reaktion, als der Reporter “Elfmeter“ brüllt.

Omi: „Tor?“

Ich: „Nein, Omi, er hat doch gesagt Elfmeter.“

Omi: „Elfmeter? Ach so. Jetzt schießen die alle nacheinander auf das Tor?“

Wäre meine Oma der Fußballgott, würde nicht nur die Sportschau durch eine Wiederholung von „Herrchen gesucht“ ersetzt, es wäre auch das Ende der Fußball-Gerechtigkeit. Und der Vernunft. Etwas zurückhaltender, quasi aus einer sicheren Deckung agierend, verhält sich meine Mutter. Wenn sie mal keine Hüften austauscht. Nur manchmal verliert sie die Contenance und fällt vor Aufregung bei einer Großchance fast aus dem Sessel (bevor sie dann merkt, dass das ja die Engländer waren, die fast ein Tor geschossen hätten: „Da hätt ich ja fast gejubelt, dabei kann ich die gar nicht leiden.“) In der Regel aber hält sie sich mit emotionalen Einlassungen oder sinnlosen Fragen zurück, beobachtet lieber erst einmal in aller Ruhe das Geschehen auf dem Platz. Bevor dann interessante Informationen die Fußballexpertin erkennen lassen. Nach einem frühen 1:0 der Deutschen kramte sie kurz im Erfahrungsschatz ihrer beeindruckenden Zahl an TV-Fußball-Übertragungen (es mögen locker 3,5 gewesen sein), bevor sie mit souveränen Worten, gegen die selbst Günter Netzer wie ein angetrunkener Hooligan wirkt, belehrt: „Wenn die Deutschen so früh ein Tor schießen, dann wird das nix.“ Die Deutschen gewannen 2:0.

Advertisements

Schreibe einen Kommentar

Luftfingerschnippen

Luftgitarre war gestern. The Next Big Thing heißt Luftfingerschnippen. Fingerschnippen ohne Geräusch. Die ersten deutschen Meisterschaften stehen vor der Tür. Hohe Anforderungen stellen sie aber auch an das Publikum. Das darf nur Luftklatschen.

Schreibe einen Kommentar

Ein Blick auf Deos

Durch Charlotte Roches Bestseller ist sie wieder in aller Munde: die Achselhöhle. Haarig darf sie wieder sein. Und unangenehm riechen soll sie möglichst auch. Millionen Deutsche folgen diesem Mantra und räumen ihre Badbestände. Deos wandern in Massen in die Abfallcontainer. Es leben die Achselhöhlen. Und die ganzen Mikroorganismen darin.

Wie kann es sein, dass die Deutschen so schnell und leicht Abschied von 8×4, Nivea Deodorant und Co nehmen?

Es ist nicht nur die Lust am Stinken. Sondern die Hersteller der Deos haben sich die unsentimentale Abkehr der Konsumenten selbst zuzuschreiben. Das wurde mir heute morgen erst wieder klar. Als auch ich nach dem Duschen kurz zum Rocherianer wurde. Nicht weil ich gerne stinke. Sondern weil die Körperduftindustrie auf einem Gebiet gnadenlos versagt: bei der Verabreichungsform. Mit erhobenem Arm stand ich ein paar Minuten im Bad und versuchte verzweifelt den Rest Flüssigkeit aus dem Zerstäuber zu drücken. Erfolglos. Es ist unmöglich den Behälter wirklich bis auf die letzte Neige zu leeren. Der Schlauch, durch den das Deo bei Knopfdruck nach oben gezogen wird, hing in der linken Ecke. Kippte ich das Gefäß, auf das die Restflüssigkeit auch dorthin floß, zeigt der Ausgang am oberen Ende des Deos in die entgegengesetzte Richtung meiner einzusprühenden Achsel. Wie immer hatte ich als Anwender nur die Wahl zwischen entweder den Behälter mit der Restflüssigkeit wegzuwerfen oder den Inhalt sinnlos irgendwohin zu versprühen. Ich hätte natürlich noch mein holdes Weib fragen können, ob sie so freundlich ist, meine Achsel einzusprühen. Oder einfach jemanden auf der Straße fragen, ob er nicht noch Bedarf an Wohlgeruch unter dem Arm habe. Und ihn dann dort einzusprühen. Aber Aufwand und Nutzen hielten sich dann sogar in meinen Augen nicht mehr die Waage.

Natürlich gibt es Alternativen zum Zerstäuber. Ich habe sie alle ausprobiert. Zum Beispiel Deoroller. Eine Zeitlang arbeiten sie gut. Aber leider merkt man immer zu spät, dass sie leer sind. Denn die Kugel lässt sich auch dann noch optimal unter der Achselhöhle umherrollen, wenn der Behälter nur noch Luft enthält. Zusammen mit vereinzelten Tropfen (noch vom Duschen oder vom eigenen Schweiß) wiegen sie den Anwender in dem Glauben, etwas gegen den Achselgeruch zu tun. Erst wenn der Freundeskreis kleiner und ich nicht mehr eingeladen werde, weiß ich: Höchste Zeit für einen neuen Deoroller.

Auch Sprays sind keine Alternative. Unter ökologischen Gesichtspunkten hatte schon immer einen zweifelhaften Ruf. Schlimmer aber war immer das Inferno, das sie in der näheren Umgebung anrichten. Ich erinnere mich noch gut an meine Kindheit, als die ganze Familie morgens im Bade stand, wir leicht schlaftrunken der Morgenhygiene nachgingen – und ich dann aus dem Augenwinkel meinen Vater zum Deospray greifen sah. Mit einem panikerfüllten Schrei „Alle Mann raus aus dem Bad!“ konnte ich gerade noch Mutter und Bruder packen, und mit ihnen auf den Flur hechten. Keine Sekunde zu früh! Schon im nächsten Augenblickdrückte mein Vater auf die Dose und das Bad in einer klebrigen Wolke aus Wohlgeruch. Auch wenn mein Vater auf seine Achselhöhle zielte: Kollaterialschäden in seiner nächsten Umgebung waren unvermeidlich.

Vielleicht tut man der Industrie aber auch Unrecht. Vielleicht gibt es kein adäquates Mittel, Wohlgeruch unter der Achselhöhle zu verbreiten. Vielleicht stimmt es wirklich: Hätte Gott gewollt, dass wir in der Achselhöhle gut riechen, hätte er dort Lavendel wachsen lassen. Und keine Schamhaare.

Comments (6)