Bitte. Danke.

Liebe Kunden, oder wer auch immer etwas von mir will. Bitte nehmen Sie in Zukunft davon Abstand, Ihre Mails mit „Danke!“ zu beenden. Denn nur weil Ihre Zeilen zu Ende sind, heißt das nicht, dass ich Ihrem Ansinnen auch tatsächlich nachkomme. Ein Danke ohne vorherige Tat klingt entsetzlich anmaßend und von oben herab. Mir reicht es, wenn Sie Ihr Anliegen einfach mit dem Wort „Bitte“ garnieren. Mehr Höflichkeit muss nicht sein. Bedanken Sie sich bitte erst, wenn ich Ihnen einwilligend geantwortet habe. Im Alltag würden Sie auch niemanden um etwas bitten und mit einem „Danke!“ schließen. Es sei denn Sie wollen im Subtext klar machen: „Keinen Widerspruch, verstanden?“. Schreiben Sie doch einfach „Im Voraus vielen Dank“. Aber beachten Sie, dass man „Voraus“ mit nur einem r schreibt. Genauso wie „vorausgesetzt“.

Danke.

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Ich bereue nichts

Liebe Eltern, ihr müsst jetzt stark sein. Ich bin alt genug, um dieses Fazit zu ziehen: Ich bereue es nicht, den Klavierunterricht schon nach drei Jahren abgebrochen zu haben. Das erkläre ich heute feierlich. Da habt Ihr Euch damals aber mächtig getäuscht, als ihr mich so unschön unter Druck gesetzt habt: „Das wirst Du später einmal bereuen!“ war Euer Standardsatz, als ich mich mit meinem Wunsch endlich durchgesetzt hatte, den Klavierdeckel für alle Ewigkeit zu schließen und meine Notenhefte zum Altpapier zu geben. Damit Ihr es wisst: So ganz spurlos ging Eure Warnung nicht an mir vorüber. Jahrelang habe ich täglich mit einem spontanen Reueanfall gerechnet. Jederzeit war ich darauf vorbereitet, dass gerade heute der Tag sein würde, an dem mich ein Wein- und Schüttelkrampf überkommt, dass der Gedanke an meine fehlenden Klavierkünste meine Kindheit zu einer verlorenen Zeit abqualifiziert. Nur: Nichts dergleichen ist passiert. Noch immer mache ich drei Kreuze, nicht mehr vor das Klavier gewzwungen zu werden. Und noch immer reicht es mir, statt dem Klavier enur inen CD Player bedienen zu können. Der spielt auf Wunsch das gleiche wie ich. Nur besser.

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Briefumschläge

Es gibt nur wenig, was so fremd anmutet wie ein Briefumschlag, der nicht an mich adressiert ist. Besonders, wenn ich ihn aus meinem Briefkasten hole. Vielleicht habe ich in meinem Leben einfach zu viele Briefe gesehen, die an mich gerichtet waren. Auf einen Briefumschlag gehört mein Name. Jeder andere Name stimmt mich traurig.

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Rubääääääääh

Das Leben auf dem Prenzlauer Berg wirkt sich mehr und mehr auf mein Verhalten aus. Einige unselige Einflüsse konnte ich noch fern halten, zum Beispiel würde ich mich nie mit einem Laptop in ein Lokal setzen, in dem schon jemand anderes mit seinem Laptop sitzt. So viel Stil konnte ich mir bewahren. Andere Beispielen hatten aber eine stärkere Wirkung auf mich, begeistert von ihrem Erfolg musste ich ihnen nacheifern: die vielen kleinen Kindern in der Gegend sind meine besten Lehrmeister. Von ihnen habe ich mir viele erfolgreiche Verhaltensweisen abgeguckt. Meine liebste: hysterisches, lauthalses Weinen und Schreien zwecks Zielerreichung.

Ach, wir sollten viel mehr Kind sein. Dann wäre dies zwar keine bessere Welt, aber wenigstens wären alle Menschen Arschlöcher. Und nicht nur ein paar. Ich kann zumindest sagen, ich bin ein erfolgreicherer Mensch, seit ich das Kind in mir wieder entdeckt habe. Wohldosiertes Brüllen und wahnsinniges Weinen wirken im Alltag wahre Wunder. Eine lange Schlange beim Bäcker? Einfach an allen vorbei gehen und Brötchen bestellen. Murrt einer der Übergangenen, dann nichts wie aus vollem Halse Weinen und Brüllen. „Ich will aber meine Brötchääääääääääääännnn jetzt!“ Dann idealerweise noch auf den Boden werfen (bitte achten Sie dabei auf kleine Hunde), strampeln und mit den Fäusten trommeln. So schnell hatten Sie noch nie Ihre Brötchen und den Respekt der Umgebung.

Beim Schwarzfahren in der S-Bahn von einem freundlichen Stadtbediensteten erwischt? Einfach laut plärren, mit sich überschlagender Stimme: „Ich will aber nicht bezahlääääääään!!!“. Dann ein lautes „Rubäääääääää!“ hinterher. Viele Schaffner wenden sich dann erfahrungsgemäß schnell dem nächsten Fahrgast zu.

Doch ich warne: Nicht immer erreicht man mit hysterischem Weinen, Schreien und Zetern sein Ziel. Eine attraktive Frau, die in einem Café auf die Frage, ob man sich zu ihr setzen dürfe, mit Nein antwortet, lässt sich auch nicht mit einem lautstarken Weinkrampf umstimmen. Und sollten Sie irgendwie doch mit dem Partner Ihrer Wahl im Bett landen, reagieren Sie auf abschlägige Beurteilungen ihrer etwas ausgefalleneren sexuellen  Wünsche am besten auch nicht mit Schrei- und Heulkrämpfen. Die sexuelle Stimmung ist schnell am Boden.

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Mühsamer Neuanfang

Danke der freundliche Nachfrage. Meiner „Pfeil-nach-rechts“-Taste geht es wieder gut. Nachdem sie 3 Wochen lang kaputt war, fällt mir das nach rechts laufen nur zwar noch etwas schwer, weil ich diese Funktion mit Maus und der „Pfeil-nach links“-Taste umgangen habe, aber ich werde gleich mal exzessiv nach rechts laufen, um mich wieder daran zu gewöhnen. Nach schweren Verletzungen ist der Reha-Prozess eben immer etwas mühsam.

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Frauenfußball

Kur vor der EM erinnere ich mich wieder an all die großen Fußballspiele, die so viele Emotionen in mir geweckt haben. Allerdings nicht wegen der Tore oder der Teams, sondern wegen meiner persönlichen Umstände, in denen ich Zeuge dieser Spiele wurde.

In besonders nachhaltiger Erinnerung ist mir das Spiel Deutschland gegen Schweden bei der WM 2006 geblieben. 90 Minuten pure Emotion – dank der Autofahrt mit meiner Oma.

Meine Mutter lag damals im Krankenhaus. Harmlose Sache, eine neue Hüfte war nötig. Da meiner Mutter nur die Orthopädie in Heidelberg genehm war, meine Oma aber zwei Autobahnstunden entfernt wohnte (und dennoch als aufopferungsvolle Muttersmutter auf den täglichen Besuch nicht verzichten wollte), wurde ein Fahrer gesucht. Und gefunden: im Enkel aus Berlin. In mir. Ich sagte ohne Zögern zu. Auch weil ich froh war, dem Berliner WM-Wahnsinn mit Public-Viewing und besoffenen Fans, die vor Haustür bis tief in die Nacht „Olé olé olé“ singen, zu entkommen.

Und so bretterte ich schon wenig später ingesamt 4 Stunden am Tag mit meiner Oma auf dem Beifahreresitz über die A5 gen Heidelberg. Und wieder zurück. Eine Woche lang. Tag für Tag.

Um Missverständnissen gleich vorzubeugen: Meine Oma ist ein anregender Gesprächspartner, ein liebenswürdiger Mensch und eine Fahrt mit ihr, sei sie noch so lang, immer ein ungetrübtes Vergnügen. Es sei denn es läuft gerade ein Live-Fußballspiel im Autoradio. So wie an diesem heißen Junitag das Spiel Deutschland gegen Schweden. Die Übertragung im Fernsehen musste für mich ausfallen. Die Anstoßzeit war rücksichtsloserweise so terminiert, dass ich nicht rerchtzeitig wieder vor dem Fernseher sitzen konnte. Also Radio an. Echte Fußballfans lieben das Radio.

Leider aber wurde das Vergnügen an diesem Tag stark getrübt: von den Fragen und Einlassungen meiner Oma. Das Maß an fußballerischer Unbelecktheit und Ignoranz dieser sonst so intelligenten Frau, sowie die totale Weigerung, jegliche Informationen zum Thema länger als 5 Minuten zu speichern, sind frappierend. Dabei müsste sie eine Fußballfachfrau von erlesener Güte sein, locker mit Kerner und Delling über die Feinheiten der vergangenen 90 Minuten parlieren können. Schließlich war mein Opa ein begeisterter Fußballfan und hat sie bei jeder Liveübertragung mit seinem Wissen zugeschüttet. Aus diesem unerschöpflichen Wissensschatz hat meine Oma leider nur drei Informationen gespeichert: van de Kerckhoff, Rummenigge und das Kopfballungeheuer Hrubesch. Dieser Dreisatz wird immer dann stolz ins Gespräch eingewoben, wenn es auch nur entfernt um Fußball geht. Anschließend blickt sie Beifall heischend in die Runde. So trainiert sie heute eben keinen Bundesligaverein, was der Liga sicher gut täte, sondern lebt weiter von ihrer kargen Pension.

Allerdings, das sei ihr zugestanden, hat es der Fußball hat ihr auch nie leicht gemacht. Ihr Verhältnis zum runden Leder ist schon deshalb irreparabel gestört, weil durch Liveübertragungen immer wieder ihre Lieblingssendungen ausfallen. Wie oft hat sie schon kurzfristig auf „Forsthaus Falkenau“ oder „Der Bulle von Tölz“ verzichten müssen und statt des schmucken Försters oder des kuscheligen Otti Fischers einen auf den Platz rotzenden Mittelstürmer bestaunen müssen. Mit einer Mischung aus Verzweiflung und kalter Wut auf die Programmverantwortlichen fragt sie in diesen Augenblicken entrüstet in die Fernsehrunde: „Warum übertragen die die Spiele nicht auf den Sportsendern? Dafür sind die doch da.“

„Omi, wir leben in keiner Diktatur, wo der Staat die Programme einfach auf die Sender verteilt. Da geht es um teure Übertragungsrechte, für die die Sportsender kein Geld haben.“

„Ach so.“

Doch ihr „Ach so“ heißt nicht „Das merk ich mir für die Zukunft“. Sondern: „Beim nächsten Fußball-Event samt der Einblendung „Die Quiz Show mit Jörg Pilawa entfällt“ stelle ich die Frage wieder.“

Neben Fußballsachverstand fehlt ihr auch das Gespür für Live-Radioübertragungen. Die elementaren Fähigkeiten, die für den Genuss dieser Art der Fußballübermittlung unabdingbar sind – nicht vorhanden. Ihr Fußballvorstellungsvermögen gleicht einer weißen Leinwand. Sie ist nicht in der Lage, die Worte und Fachausdrücke der Reporter in Bilder vor ihrem inneren Auge zu verwandeln. Meine Oma hat keine Ahnung, wie ein Fußballfeld aussieht, folglich kann sie mit Ortsangaben wie „Ein Duell an der Eckfahne“, „Schuss von der Strafraumgrenze“ und „Klein-Klein im Mittelfeld“ nichts anfangen. Der Sinn von „daneben“ sollte ihr aber durchaus klar. Wenn das Wörtchen lautstark aus dem Mund eines Sport-Reporters in die Welt geschleudert wird, verwandelt es zu „Bahnhof“. Auf den Ausruf der sich überschlagenden Radiostimme „Gerangel im Strafraum, Schuss! Oh, daneben“, reagiert sie aufgeregt: „Was? Tor?“

„Nein, Omi. Daneben. Hat er doch gesagt.“

„Ach ja.“

Die gleiche Reaktion, als der Reporter “Elfmeter“ brüllt.

Omi: „Tor?“

Ich: „Nein, Omi, er hat doch gesagt Elfmeter.“

Omi: „Elfmeter? Ach so. Jetzt schießen die alle nacheinander auf das Tor?“

Wäre meine Oma der Fußballgott, würde nicht nur die Sportschau durch eine Wiederholung von „Herrchen gesucht“ ersetzt, es wäre auch das Ende der Fußball-Gerechtigkeit. Und der Vernunft. Etwas zurückhaltender, quasi aus einer sicheren Deckung agierend, verhält sich meine Mutter. Wenn sie mal keine Hüften austauscht. Nur manchmal verliert sie die Contenance und fällt vor Aufregung bei einer Großchance fast aus dem Sessel (bevor sie dann merkt, dass das ja die Engländer waren, die fast ein Tor geschossen hätten: „Da hätt ich ja fast gejubelt, dabei kann ich die gar nicht leiden.“) In der Regel aber hält sie sich mit emotionalen Einlassungen oder sinnlosen Fragen zurück, beobachtet lieber erst einmal in aller Ruhe das Geschehen auf dem Platz. Bevor dann interessante Informationen die Fußballexpertin erkennen lassen. Nach einem frühen 1:0 der Deutschen kramte sie kurz im Erfahrungsschatz ihrer beeindruckenden Zahl an TV-Fußball-Übertragungen (es mögen locker 3,5 gewesen sein), bevor sie mit souveränen Worten, gegen die selbst Günter Netzer wie ein angetrunkener Hooligan wirkt, belehrt: „Wenn die Deutschen so früh ein Tor schießen, dann wird das nix.“ Die Deutschen gewannen 2:0.

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Luftfingerschnippen

Luftgitarre war gestern. The Next Big Thing heißt Luftfingerschnippen. Fingerschnippen ohne Geräusch. Die ersten deutschen Meisterschaften stehen vor der Tür. Hohe Anforderungen stellen sie aber auch an das Publikum. Das darf nur Luftklatschen.

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